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Rezension: Das Licht der Insel von Jean E. Pendziwol

Auszug:

Es ist ein morgendliches Ritual, eines, dass sie von den Cottages auf Silver Islet durch die Wälder zur Middlebrun Bay führt - ein Ritual, dass sie praktizieren, seit der Labrador ein Welpe auf schlaksigen Beinen war. Aber schon damals, vor all den Jahren, war das Haar des Mannes weiß, seine Augen umrahmt von Krähenfüßen, sein Bart silbrig gesprenkelt. Inzwischen werden sie beide langsamer, Mann und Hund, zucken an steifen Gelenken, setzten ihre Schritte vorsichtig. Jeden Morgen, wenn sie sich beim ersten, fahlen, orangefarbenen Tageslicht auf den Weg machen, begrüßen sie einander mit der schlichten Befriedigung des Wissens, dass sie wieder einen Tag miteinander haben.

Seite 7, Das Licht der Insel von Jean E. Pendziwol

 

Klappentext:

Elizabeth und ihre Zwillingsschwester Emily wachsen in der rauen Einsamkeit des Lake Superior auf. Ihr Vater ist Leuchtturmwärter auf Porphyry Island, einer kleinen, sturmumtosten Insel. Die beiden Mädchen sind unzertrennlich, obwohl Emily nicht spricht – doch sie hat ein bemerkenswertes Gespür für Tiere, und sie malt wunderschöne Pflanzenbilder. Ihr Bruder Charles fühlt sich für die Schwestern verantwortlich. Doch dann setzt ein schreckliches Ereignis der Idylle für immer ein Ende … 

Siebzig Jahre hat Elizabeth nicht mit ihrem Bruder gesprochen, als am Ufer des Sees Charles' Boot angespült wird. Von ihm fehlt jede Spur, doch sie weiß, dass es nur einen Ort gibt, zu dem er unterwegs gewesen sein kann. Nur was hat ihn nach all den Jahren dazu gebracht, nach Porphyry zurückzukehren?

 

Produktinformation:

Taschenbuch mit 416 Seiten 10,00€, Kindle-Edition 7,99€. 

Veröffentlicht am 16. Oktober 2017 vom Penguin Verlag.

 

Rezension:

Alleine der Klappentext lässt schon vermuten, dass hier Dinge aus der Vergangenheit ans Tageslicht kommen könnten, die nicht nur die Figuren bewegen, sondern auch den Leser. Das trifft hier absolut zu.

 

Alleine schon die Geschichte der beiden Zwillingsmädchen, von denen eine spricht und eine nicht, hat mich schon sehr bewegt. Emily lebt in ihrer ganz eigenen Welt, aber trotzdem ist sie sehr dicke mit Elisabeth. Unter anderem deswegen, weil sie immer von ihr beschützt wird. Außer den Mädels gibt es da noch den Bruder Charles, der sich liebevoll um die beiden kümmert. Klingt alles nach einer idyllischen Kindheit, doch eines Tages geschieht etwas, das die beiden Mädels dazu bewegt, die Insel zu verlassen. Die Figuren sind für mich gut greifbar gewesen, weswegen ich umso tiefer in die Geschichte eintauchen könnte, als es sowieso der Fall gewesen wäre.

 

Die Geschichte beginnt relativ ruhig, nimmt dann aber doch recht schnell an Fahrt auf. Von da an steigt der Spannungsbogen stetig, es gibt keinerlei unnötige Längen und deswegen langweilt man sich als Leser auch nicht. Erzählt wird die Geschichte in verschiedenen Handlungssträngen, einmal in der Vergangenheit der 1920er Jahren und einmal in der Gegenwart. Dabei kommen auch Tagebucheinträge zur Sprache, so wird die Lektüre etwas aufgelockert.

 

Der Schreibstil passt sehr gut zum atmosphärischen Setting der Geschichte. Die Vergangenheit spielt auf der abgeschiedenen Insel Porphy Island im nordwestlichen Kanada, die spätere Geschichte spielt am Lake Superior, dem größten See Kanadas. Die Autorin schreibt sehr bildhaft und stilvoll, teilweise sogar poetisch, was aber sehr gut zur Geschichte passt und immer leicht verständlich ist. Mich hat ihre Art zu schreiben oft zum Nachdenken angeregt.

 

Fazit:

"Das Licht der Insel" ist ein großartiger Wohlfühlroman, der sich gerade bei schlechtem Wetter unter einer Decke hervorragend genießen lässt.